Magenhunger oder Herzenshunger? Gastartikel von Birgit Ruf

Herzförmige Wassermelone und Beeren (Foto)

Ich freue mich sehr, dass Birgit Ruf ihren zweiten Gastartikel bei mir schreibt (hier findest du ihren ersten: Was nährt mich? Was brauche ich wirklich - jenseits vom Essen?). Ihre Art zu schreiben berührt mich, und ich hoffe, sie berührt dich auch und zeigt dir neue Gesichtspunkte der Ernährung.

Birgit Ruf ist als Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision in Gerasdorf bei Wien in freier Praxis tätig. Ernähren und Wohlfühlen sind Themen, die ihr am Herzen liegen. Im Rahmen von psychotherapeutischen Ernährungscoachings begleitet sie unter anderem Menschen, die sich auf den Weg zu sich und einer stimmigen Ernährung machen möchten. Näheres unter www.birgitruf.at.

 

Welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem Herzen zu folgen.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Hast du dich nach der Lektüre meines letzten Artikels angesprochen gefühlt und doch nicht so recht gewusst, wie du nun mit diesem „Angesprochen Sein“ weitertun sollst?

Dann habe ich hier nun tiefergreifendere Informationen für dich:

Magenhunger meint den Hunger nach Essen, Nahrung für den physischen Körper und den Energiehaushalt.

Herzenshunger verlangt nach Nahrung für die Seele und Befriedigung psychischer Bedürfnisse. Das kann Liebe, Aufmerksamkeit, Zuwendung, das Gefühl von Angenommensein oder Wertschätzung sein.

So weit, so gut.

Um sich wieder in Kontakt mit den eigenen (Körper)gefühlen zu bringen, gibt es eine Vielfalt an Übungen. Eine davon ist das Training, dem Körper zuzuhören. Unsere Körpersignale wollen beachtet werden, um uns dabei zu helfen allmählich wieder einen natürlichen und instinktiven Umgang mit Essen zu leben.

Folgende Fragen können dich leiten.

Tipp: Den meisten Menschen fällt es leichter diese Übungen zuerst mit Durst zu machen, da seine Signale nicht so stark dazu verleiten sie mit Herzenshunger zu verwechseln.

Mach die Übung „Wann habe ich wirklich Durst bzw. Hunger? Wann habe ich genug?“ nur dann, wenn du wirklich Magenhunger oder Durst verspürst!

 

1. Woher weiß ich, dass ich Durst/ Hunger habe?

Welches Körpergefühl sagt mir das?

  • Ausgedörrte Kehle
  • Trockene Zunge
  • Engegefühl im Oberkörper?
  • Hohles Gefühl im Bauch
  • Spannung im Brustkorb
  • Krampfgefühl im Magen
  • ….

Magenknurren wird oft als Hunger interpretiert. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um den sogenannten „Motorkomplex“-Prozess, der wie ein Haushälter den Dünndarm nach getaner Arbeit und vor der nächsten Verdauungsaufgabe, einmal kräftig durchputzt. Das Knurren aus dem Bauch bedeutet also eher: „Reinigungsarbeiten im Gange, bitte nicht stören!“

2. Woher weiß ich, wann ich satt bin? Welches körperliches Zeichen sagt mir, dass ich mit dem Essen aufhören kann/ soll?

Tja, wenn das so einfach zu beantworten wäre. Nach unzähligen Diäten, Kalorienzählereien und allerlei anderen Arten von kopfgesteuerter Nahrungsaufnahme hast du vielleicht irgendwann aufgegeben oder verlernt auf die Signale aus deinem Bauch zu hören oder sie zu verstehen.

Dazu kann kommen, dass viele während der Nahrungsaufnahme ständig mit subtilen Schuldgefühlen kämpfen. Es ist schwierig zur gleichen Zeit Schuldgefühle nicht zu spüren und feine Signale aus dem Bauchraum sensibel wahrzunehmen. Entweder achtsam und fühlend oder eben nicht!

So kommt es, dass Signale von „Danke, genug- bitte keine weitere Nahrung mehr zuführen“ erst verstanden werden, wenn sie sich nicht mehr überhören lassen. Das kann sich dann auch schon mal so anfühlen:

  • „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt.“
  • „Ich kann mich kaum noch bewegen.“

Das sind keine Sättigungsgefühle, sondern Völlerei.

Die Lehre des Ayurveda empfiehlt übrigens ca. 1/3 des Magens frei zu lassen. Zu viel Brennmaterial (Essen) im Ofen (Verdauungsapparat) lässt das Feuer (Verdauungskraft) erlöschen. Auch in der TCM gilt Überessen als Ernährungsfehler, der zu Beschwerden führen kann. (Die 8 größten Ernährungsfehler nach TCM und wie sie deiner Gesundheit schaden)

Dieses Training bedarf, wie so vieles zu Beginn einer Neuorientierung, der Konzentration und Fokussierung.

Erinnerst du dich noch an deine ersten Versuche mit der Hand zu schreiben? Und wie sieht das heute aus? Die meisten Handlungen oder Gedankengänge automatisieren sich, wenn wir sie lange genug üben. Das macht uns effizienter, bereitet aber auch Mühe im wieder Verlernen von unerwünschten Abläufen.

Zuerst wirst du vielleicht nur die hammerharten, lauten Signale, „Ich bin so satt und mag kein Blatt“, aus deinem Körper hören. Mit zunehmender Übung wird sich deine Wahrnehmung verfeinern und du immer genauer spüren, was gerade Sache ist.

Die Mühe lohnt sich!

Du kannst essen, worauf du Lust hast, vorausgesetzt du hörst auf, wenn der Magenhunger gestillt ist.

Dein Körper darf wieder das Kommando übernehmen und melden, was er braucht. Hunger und Appetit sind nicht länger deine Feinde, sondern wertvolle Informationslieferanten. Nicht analytische Vorgaben und rigide Pläne und Regeln bestimmen über deine Nahrungsaufnahme, viel mehr darf sich dein Körper aussuchen, was er gerade gerne verdauen möchte, um die Nährstoffe zu bekommen, die er im Moment benötigt.

Wenn du dich von deinem instinktiven Wissen und Spüren leiten lässt, wirst du auch entdecken, dass die Kommandozentrale Körper genau weiß, wie viel Verdauungszeit wofür benötigt wird. Während ein Apfel oft schon nach 2 Stunden ratzeputzig den Magen verlassen hat, braucht das Omelett oder der leckere Avocado- Kartoffelsalat schon ein bisschen länger, bis das Feld wieder frei ist.

Du denkst dir jetzt vielleicht: „Unmöglich die Kontrolle aufzugeben, ich kann doch nicht alles essen, was ich möchte!“

Es braucht Mut, das Ruder lockerer zu halten. Dem körperlichen Appetit wieder vertrauen zu lernen kann zu einem spannenden Experiment werden. Wenn du gut bei dir bleiben kannst und einen achtsamen Umgang lebst, hast du die Chance zu erkennen, dass der Grund für ein „Zuviel“ oft nicht der Hunger nach Essen ist, sondern einen Mangel in anderen Bereichen ausdrückt.

Wenn Essen nicht (mehr) dein Feind ist und sich nicht länger als etwas Sündhaftes, Verbotenes oder Belohnendes anfühlt, hast du die Chance mehr über deinen emotionalen Zustand, deine tiefen Sehnsüchte und wahren Sorgen zu erfahren.

Starke Gelüste nach bestimmten Nahrungsmittel zeigen dir oft, dass dein Körper etwas Bestimmtes im Moment braucht.

Wenn du Heißhunger auf eine ganz bestimmte Speise hast, wie z.B.: Das Marmeladebrot von Oma in der gemütlichen Küche oder die Eierspeise, die Papa gekocht hat, wenn ihr alleine zu Hause wart, frage dich doch einmal: „An welches Erlebnis erinnert mich der Gusto bzw. der Verzehr dieser Speise? „Wie habe ich mich damals gefühlt?“ „Fehlt mir das heute, verstehe ich meine Sehnsucht?“ "Bin ich bei feinfühlender Ehrlichkeit tatsächlich magenhungrig?"

Oft ist die Botschaft damit verstanden und der Heißhunger kühlt ab. Wenn nicht, gib ihm bedächtig nach. Genieße das Objekt der Begierde langsam und durchatmend. Frage dich währenddessen:

„Worum geht es? Wonach sehne ich mich? Was verlockt mich am Geschmack, an der Beschaffenheit oder am Geruch so sehr?“

Was sich vorerst sehr mühsam anhört, kann sich als Befreiung von ungeliebten Verhaltensmustern entpuppen.

Der freundliche und konstruktive Umgang mit zuerst unverständlichen Heißhungergefühlen kann unbewusste Gefühle und Wünsche ins Bewusstsein rücken und dir helfen die Signale deines Herzenshungers zu verstehen. Verstehen ist der Anfang! Fein, wenn dieser dann auch tatsächlich gestillt werden kann.

Das Verlangen nach bestimmten Nahrungsmittel kann auch symbolhaft mit bestimmten Emotionen oder mit der Unterdrückung bestimmter Gefühle in Verbindung gebracht werden.

Der Gusto

  • …nach warmen Suppen und Eintöpfe steht für ein Verlangen nach mehr emotionaler Wärme
  • …nach Süßem zeigt Mangel an Süßem im Leben oder den Wunsch sich selbst süßer zu machen
  • …nach scharf Gewürztem: Es herrscht ein Bedürfnis nach intellektueller oder emotionaler Anregung; man vermisst den „Pepp“ in seinem Leben
  • …nach knusprigen, salzigen Dingen will dir zeigen, dass deine Wut bzw. Frustration ausgedrückt werden möchte
  • …nach Schokolade. Liebst du? Wirst du geliebt? Lebst du DEINE Sexualität?

Ich wünsche dir ein lustvolles Kennenlernen und Sättigen deines Herzenshungers, sowie genussvolles Essen bei Magenhunger.

 

Weiterführende Literatur:

  • Die Frau, die im Mondlicht aß, Anita Johnston, Knaur Verlag, 2007
  • Darm mit Charme, Giulia Enders, Ullstein Verlag, 2017

Birgit und ich (Katharina) freuen uns über deinen Kommentar unter dem Artikel! Kennst du den Unterschied zwischen Magenhunger und Herzenshunger schon? Wie gehst du persönlich damit um? Danke für dein Interesse!

Kommentare

Ein interessanter Artikel, Birgit, vielen Dank dafür!
Ich habe genau das umgekehrte Problem: Meistens habe ich weder Magen- noch Herzenshunger, also weder Appetit auf Nahrung, noch auf Leben. Das zeigt sich in deutlichem Untergewicht und zeitweise sogar in einer regelrechten Abneigung gegen Essen. Zwar weiß ich recht gut, woher das lebensgeschichtlich bei mir kommt, aber eine Lösung suche ich noch...
Wirklich spannend, wie untrennbar Körper und Seele verbunden sind bzw. geradezu ineinander übergehen!

Liebe Doris! Ich wünsche dir, dass du die Quellen findest, dich dich nähren und sich dein Appetit aufs Leben wieder zu melden traut. Alles Gute!

Liebe Katharina und Birgit,
vielen Dank für den tollen Artikel. Er spricht mir aus der Seele.
Mich beschäftigt aber nicht nur die Frage: "Was bedeutet mein Gusto auf...?" sondern vielmehr die Fragen: "Aus welchem Grund habe ich jetzt schon wieder Gusto auf ... ?" und "Was ist die dahinter liegende Ursache und wieso wurde sie gerade jetzt (schon wieder) "aktiviert"?"
Ich glaube nicht, dass es "nur" emotionale Gründe sind, sondern dass die wahre Ursache tiefer liegt...
Aber Eure Tipps, das Eine (den Magenhunger) vom Anderen (dem Herzenshunger) zu unterscheiden und zu lernen, auf angemessene Weise damit umzugehen, die helfen schon mal richtig weiter!
Danke danke danke!

Lieber Siegfried! Ich freue mich, dass du dich von meinen Ausführungen angesprochen fühlst. Du schreibst von deinem Fokus auf tieferliegende Gründe. Vielleicht kann dich die besprochene Unterscheidung zwischen Magen- und Herzenhunger dabei unterstützen, dich selber besser kennen zu lernen. Gute Reise!

Meiner Ansicht nach sind die Gefühle, die wir nicht zulassen, die wir verdrängen, denen wir keinen Raum geben, die wahren tieferliegenden Ursachen für alle Krankheiten und alles Leid. Ihnen auf den Grund zu kommen ist das Alpha und Omega des Lebens. Aber der Mensch ist ein unbewusster Verdrängungsmeister. Die Übungen von Katharina sind sehr wirksam, aber man muss eben am Ball bleiben und nicht so schnell aufgeben. Hier noch ein hilfreiches Buch: Lohmann, Hartmut: SELBSTHEILUNG INTENSIV, KOHA-Verlag GmbH Burgrain.

Lieber Siegfried,
danke für deinen Kommentar! Schön, dass dich Birgits Artikel so anspricht.
Ja, ich denke auch, dass es sich immer lohnt, die wahren Gründe oder dahinterliegenden Muster aufzudecken. Das ist nicht leicht, aber hilfreich.
Liebe Grüße,
Katharina

Liebe Birgit, liebe Katharina,
ich finde deinen Artikel sehr schlüssig und wenn ich so zurückschaue, kann ich das sehr gut nachvollziehen. Da du es so gut auf den Punkt gebracht hast, habe ich es in Zukunft noch leichter, mich selbst zu fragen. Danke an dieser Stelle.
Eine Frage noch, und zwar was will mir der Körper sagen, wenn ich zu gerne zu viel saure Lebensmittel bevorzuge?
Vielen Dank und bis bald mal.
Monika

Liebe Monika! Ich freue mich, dass du die Informationen des Artikels für dich gut verwenden kannst. Den TCM Aspekt des Wunsches nach Saurem hat Katharina ja schon gut beantwortet. Aus psychodynamischer Sicht könnte ich mir verschiedene Aspekte vorstellen. Eventuell steht das Bedürfnis nach Saurem für den Wunsch nach Erfrischung oder dafür nicht mehr "süß" sein zu wollen? Viel Freude damit dich gut zu nähren! Liebe Grüße Birgit

Liebe Monika,
danke für deinen Kommentar! Die große Lust auf saure Nahrungsmittel zeigt nach TCM ein Ungleichgewicht in der Leber. Diese ist sehr für Emotionen und Stress anfällig, ein bisschen sauer entspannt sie (Leber-Qi-Stagnation). Deshalb passt auch der Spruch "sauer macht lustig". Zu viel sauer hingegen kann eine Stagnation verstärken, es geht also ums richtige Maß.
Liebe Grüße,
Katharina

Und wie passt das jetzt zu dem, was Katharina schon öfters hier empfohlen hat, nämlich regelmässig zu essen, und keine Mahlzeiten auszulassen, weil das das Qi schwächt? Soll ich jetzt nur essen, wenn mein Körper wirklich hungrig ist, oder ist die Regelmässigkeit wichtiger? Hab ich was falsch verstanden?

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