Zu undiszipliniert für gesunde Ernährung? Warum Disziplin überschätzt wird und was dir stattdessen helfen kann

Kreideschrift auf einer Tafel: Du schaffst es!

Erstmal möchte ich festhalten, dass ich den Begriff "undiszipliniert" nicht mag. Mir ist nur kein besserer eingefallen für den Titel, weil er eben so oft verwendet wird und ich ihn auch so oft von meinen LeserInnen und TeilnehmerInnen vom "Trust your Body" höre!

Hast du schon mal von dir gesagt, dass du zu undiszipliniert für irgendetwas bist? Wie fühlst du dich, wenn du dich als undiszipliniert bezeichnest? Und wenn du daran glaubst?

Ich wiederhole diese Frage nochmal, weil ich sie so wichtig finde. Denke bitte kurz darüber nach.

Wie fühlst du dich, wenn du dich als undiszipliniert bezeichnest? Und wenn du auch daran glaubst, dass du einfach zu wenig Disziplin hast?

Ich finde, der Begriff ist ziemlich abwertend und nimmt einem Kraft weg. Es fühlt sich für mich so an, als ob ich ein Opfer meiner eigenen Undisziplin (ja, ich weiß, das Wort gibt es nicht) wäre, als ob ich meinem Unvermögen, irgendwas dauerhaft umzusetzen, ausgeliefert wäre.

Stimmst du mir zu, dass diese Art, dich selbst zu beschreiben, dir nicht weiterhilft, endlich zu deiner individuell passenden Wohlfühlernährung zu finden?

Wenn wir unsere Ernährung umstellen wollen, ist das ohne Frage nicht leicht.

Warum? Weil wir unsere jetzige Art zu essen mit all den Gewohnheiten, die dazugehören, ein Leben lang eingeübt haben. Weil wir schon in der Kindheit konditioniert worden sind, zum Beispiel, indem wir zum Trost Süßes bekommen haben. Das wieder zu "verlernen", geht nicht von heute auf morgen. Diese Erfahrungen sind tief in unser Unterbewusstsein eingegraben und deshalb schwer zu beeinflussen.

Ist dir klar, wie sehr diese alten Gewohnheiten deine jetzige Ernährung bestimmen?

Ich lade dich auf einen kurzen Ausflug in deine Kindheit ein, genauer gesagt in die Erinnerung an deine Kindheit.

  • Was hast du als Kind zum Frühstück bekommen?
  • Was hat deine Familie zu besonderen Anlässen gekocht und gegessen?
  • Was hast du für Essen bekommen, wenn du krank warst?
  • Was hast du bei deinen liebsten Verwandten oder Nachbarn bekommen, bei der Oma oder der Lieblingstante? 
  • Mit welchem Essen wurdest du verwöhnt, wenn du Geburtstag hattest oder eine gute Note bekommen hast?

Ich freue mich sehr, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren mit uns teilst, alleine schon, weil ich neugierig bin und es liebe, solche Erinnerungen zu lesen. Und weil ich immer wieder Neues daraus lerne.

Bei mir ist es etwa die Erinnerung an den warmen Kakao, der am Morgen am Tisch gestanden ist. Meine Mama hat mich zur Schule aufgeweckt, indem sie ihre Hand sanft an meine Wange legte und sagte: "Katharina, der Kakao steht am Tisch." Diese Erinnerung ruft ein geborgenes, geliebtes, sicheres Gefühl in mir wach. Und bis weit in meine Erwachsenenjahre habe ich genau deshalb weiter meinen Kakao getrunken, natürlich war mir das nicht bewusst. 

Eben deshalb bin ich mir heute sehr bewusst, welche Gewohnheiten ich bei meinen eigenen Kindern präge. Mehr dazu hier: Das Wichtigste, was du deinem Kind über gesunde Ernährung mitgeben kannst

Aber was hilft jetzt, wenn wir uns ungesunde Gewohnheiten wieder abgewöhnen wollen? Braucht man dafür nicht wirklich Disziplin und Willensstärke, ja, eine gewisse Härte gegen sich selbst?

Diese Frage hätte ich vor wenigen Jahren noch mit vollem Herzen bejaht, heute hingegen sehe ich es anders. Durch meine Beschäftigung mit den Themen der Achtsamkeitslehre, der buddhistischen Psychologie und der Positiven Psychologie bin ich heute von diesem überzeugt:

Viel zielführender als Disziplin und Härte sind viel Mitgefühl mit sich selbst und das Erforschen der wahren Bedürfnisse, die hinter den ungesunden Gewohnheiten stecken.

Es geht darum, dein Unterbewusstsein ins Boot zu holen und dich liebevoll und sanft und nachhaltig an Neues zu gewöhnen.

Folgende Frage ist dabei wesentlich für den Erfolg: WARUM willst du eine bestimmte Gewohnheit verändern? (Etwa mehr Gemüse essen und die Chips am Abend weglassen.)

Es lohnt sich, über diese Frage immer wieder nachzudenken. Nur wenn du wirklich überzeugt davon bist und das unbedingt erreichen willst, kannst du es auch schaffen. 

Übe dich darin, das Gute in deinem Leben zu sehen

Kennst du den Begriff "negativity bias" (etwa: Negativitäts-Voreingenommenheit)? Das bedeutet, dass wir Menschen darauf gepolt sind, immer das Negative in unserem Leben zu sehen und das Positive schnell wegzuwischen bzw. überhaupt zu übersehen. Schuld daran ist unser Gehirn, und zwar der ganz alte Teil davon. 

Für die Ernährung bedeutet das, dass wir oft nur sehen, was uns wieder mal nicht gelungen ist. Und das, was schon gut klappt, nehmen wir gar nicht wahr.

Wie oft habe ich schon von meinen Trust-your-Body-TeilnehmerInnen gehört: "Katharina, ich schaffe es einfach nicht, ich bin so undiszipliniert! Vom Kaffee komme ich nicht weg und auch die Süßigkeiten brauche ich immer noch. Und die Kopfschmerzen sind immer noch da, ich glaube, es hat alles keinen Sinn." Und wenn ich dann nachfrage, was sie genau geändert haben im Vergleich zu vor 3 Monaten, höre ich ungefähr Folgendes: "Naja, stimmt, gekochtes Frühstück esse ich jetzt fast täglich. Und Chips habe ich auch schon lange nicht mehr gegessen. Ach ja, eine Gemüsesuppe koche ich mir auch mindestens einmal die Woche. Und einen Blähbauch habe ich jetzt auch schon ein paar Wochen nicht mehr gehabt, das habe ich ganz vergessen!"

Die gute Nachricht ist, dass wir üben können, das Gute in unserem Leben zu bemerken - und so wird es immer mehr! 

Schreibe dir jeden Abend deine 3 größten Erfolge des Tages auf - hast du vielleicht auf den Kuchen am Nachmittag verzichtet, hast du eine Tasse Kaffee weniger getrunken, hast du dir ein Frühstück gekocht? Hier zählen auch die kleinen Schritte. 

Wenn du nicht gerne schreibst, denke zumindest vor dem Schlafengehen an den Tag und rufe dir die guten Momente und schönen Erlebnisse und kleinen und großen Erfolge in Erinnerung. So schläfst du mit einem guten Gefühl ein und dein Unterbewusstsein gewöhnt sich langsam daran, auch das Schöne aufzunehmen.

Visualisiere und male dir schöne Bilder aus

Male dir jeden Abend vor dem Schlafengehen in schönen Bildern aus, wie es sein wird, wenn du dein Ziel erreicht hast. Wie wirst du dich fühlen? Wie wirst du aussehen, wieviel Energie wirst du haben und was genau willst du mit dieser Energie machen? Wie werden sich deine Beziehungen ändern, wie dein Arbeitsleben? Spüre jetzt schon, wie gut sich das anfühlt. Dein Unterbewusstsein liebt Bilder und Emotionen und versucht dann automatisch, diese Wirklichkeit werden zu lassen.  

Wie sprichst du eigentlich mit dir selbst?

Oft sind wir ziemlich streng mit uns, wir schimpfen und tadeln uns selbst. Würdest du so mit deiner besten Freundin sprechen? Wahrscheinlich nicht, weil du genau wüsstest, dass es ihr dann schlechter als vorher geht, und das willst du ja nicht. Also sprich bitte auch mit dir selber nett und mitfühlend, dann geht es dir danach auch besser als vorher und nicht schlechter. Und wenn es dir gut geht, kannst du viel leichter etwas ändern!

Heißhunger auf Süßes, Fettiges, Salziges? Und was du bei "Rückfällen" tun kannst.

Was du nicht tun solltest: Dir alles zu verbieten, was du gerne isst! Das führt nur zu Frust und dem Gefühl, auf alles Genussvolle verzichten zu müssen.

Besser: Kaufe dir keine Vorräte an Süßigkeiten oder Knabbereien (oder was es sonst bei dir ist), sondern sorge für gesunde Alternativen. So hast du nicht das Gefühl, auf alles verzichten zu müssen. Und wenn du doch mal einen "Rückfall" in alte Gewohnheiten hast, ist das auch kein Problem, am nächsten Tag fängst du einfach wieder von vorne an. Schwelge bitte nicht in Selbstvorwürfen und Verzweiflung, sondern hake es als das ab, was es ist: menschlich!

Und dann blättere in deinem Erfolgstagebuch, um zu sehen, was du alles schon erreicht hast, und sei richtig stolz auf dich. Du bemühst dich jeden Tag, wie toll ist das!

Quintessenz:

Sei liebevoll mit dir selbst und erforsche, welche Bedürfnisse und Wünsche du hast.

Was ist dir wirklich wichtig in deinem Leben?

Welche Bedürfnisse versuchst du, mit dem Essen zu befriedigen?

Gib dir selber Zeit, Geduld, Mitgefühl, Liebe und Ermutigung. Achte auf die vielen kleinen Erfolge, die du jetzt schon erreicht hast, und sprich mit dir wie mit deiner besten Freundin - liebevoll und zuversichtlich. So kannst du ungesunde Gewohnheiten viel nachhaltiger verändern als mit Disziplin und Härte. Und wirst nebenbei ein zufriedenerer, glücklicherer, selbstbestimmterer Mensch.

Glaube an dich selbst, ich tue es auch! 

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Kommentare

oh, die Frühstücke meiner Kindheit waren ganz unterschiedlich: Buttersemmerl mit Marmelade mochte ich gar nicht, ich musste die Butter weglassen; manchmal ging Kakao, Milch hat mir nur eiskalt geschmeckt u nur selten, ich bin dann zum Teetrinken übergegengen; was ich echt geliebt hab, war das Frühstück meines Vaters, wenn er magengeschwürbedingt Hafermark mit zerquetschter Banane u warmer Milch vermischt gegessen hatte! Da war ich immer mit dabei!!! - Sonntags gab´s manchmal Wiener Schnitzerl mit Erdäpfelsalat, oft hat meine Mutter am Sonntag etwas Neues ausprobiert, allerdings schon immer Fleischiges. - Geburtstag durfte ich mir einen Nachtisch wünschen, das war Mutters Meraner Creme: eine ei-Zucker-Mischung mit Vanille und dazu gab es frische Erdbeeren. Süß, gehaltvoll und guuuut! - Wenn ich krank war, gab es oft nur Zwieback u Tee, am Weg der Gesundung jbekam ein dann ein Grißesupperl mit ein paar Erbsen drin. Noch heute ist Grießsuppe ein Essen, dass mit Wohlfühlen, Liebe und ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. LG Karin

Liebe Karin,
danke für deinen Kommentar und das Teilen deiner Erinnerungen mit uns! Ja, die Grießsuppe klingt nach Wohlfühlen und ist ja sogar TCM-tauglich. :)
Liebe Grüße,
Katharina

Hallo Katharina,
ich bekam zum Frühstück auch immer Kakao mit Honig- oder Marmeladenbrot. Marmelade selbstgemacht, das Brot selbst gebacken, und die Milch hat die Mama vom Bauern selber abgeholt, und den Rahm abgeschöpft, damit der Kakao keine Haut kriegt. Vom Rahm gab es im Sommer, wenns heiß war, zerdrückte Früchte und den Rahm aufgeschlagen, das war sehr erfrischend und kühlend. Abends hab ich oft warme Milch mit Brotstückchen, Honig und Salz drinnen bekommen. Das schmeckt mir heute noch und ist auch so ein Geborgenheitsgefühl. Bei Krankheit gab es auch Lindenblüten, oder Kamillentee und Zwieback. Was Besonderes waren Gebackene Mäuse oder Polsterzipferl mit Apfelmus. Oder Buchteln mit Vanillesosse. Und Sonntags gab es immer einen Braten, Schnitzel, Cordon Bleu oder Rindsrouladen. Und immer einen selbst gebackenen Kuchen am Wochenende. Meine Mama hat soviel wie möglich im Garten angebaut und aus Wald und Wiesen rundherum verwertet, was ich auch so weiter pflege, und auch meinen drei Kindern weitergegeben habe. Alle drei beschäftigen sich mit Kräutern und gesunder Ernährung. Also es ist schon ein Großteil der Ernährung glaub ich, wie man es immer von der Mutter vorgelebt kriegt. Liebe Grüße Karin

Liebe Karin,
danke für deinen Kommentar. Das klingt wirklich sehr geborgen und heimelig, was du da beschreibst, man spürt richtig die Liebe deiner Kindheit, schön! Es ist natürlich toll, wenn man so naturverbunden aufwachsen kann, und das hat dich sicher geprägt. Schön, dass du es auch deinen Kindern weitergeben konntest.
Liebe Grüße,
Katharina

Hallo Katharina!
Ich habe mich jetzt fast drei Monate nach TCM ernährt. Dazu habe ich viel gelesen und ausprobiert. Die positiven Auswirkungen: Ich schlafe wieder durch, kein Heuschnupfen, 5 Kilo wenige. Also genial!
Und plötzlich sind jetzt wieder alle Fressattacken da. Ich koche zwar weiterhin nach TCM, brauche jetzt aber plötzlich wieder Brot, Süßes, Chips am Abend dazu. Ich bin nicht glücklich damit.
Woher kommt dieses Verlangen und was kann ich tun?
Liebe Grüße von Daniela

Liebe Daniela,
danke für deinen Kommentar!
Erstmal möchte ich dir gratulieren, dass du schon so viel erreicht hast, das ist einfach toll! Vielleicht kannst du das mal anerkennen und dich selber dafür loben, was du schon alles geschafft hast.
Dann ist es so, dass 3 Monate noch nicht so lange sind, da ist es ganz normal, dass wir in alte Muster zurückschlüpfen, das haben wir schließlich viele Jahre so eingelernt. Sei einfach weiterhin liebevoll mit dir selbst und sieh jeden Tag als neuen Versuch an, wieder mehr so zu essen, wie du es willst. Und ganz wichtig: Kritisiere dich nicht selbst. Statt eines schlechten Gewissens habe Mitgefühl und Verständnis für dich selbst, dass es jetzt mal so ist, wie es ist. Versuche, sanft zu erforschen, welche Bedürfnisse vielleicht dahinterstecken, die gar nichts mit Essen zu tun haben (z.B. Langeweile - Bedürfnis nach mehr Abenteuer im Leben), und wie du diese Bedürfnisse ohne Essen erfüllen kannst. Mehr Tipps für den Heißhunger findest du hier: https://www.ernaehrungsberatung-wien.at/blog/heisshunger-auf-suess-und-s...
Liebe Grüße,
Katharina

vielen lieben dank, Katharina!
wie wahr und ja diese strenge mit sich selbst! bin so richtig geprägt als älteste von vier geschwistern...
wenn wir krank waren gab's mal strikte bettruhe, leichtes essen im bett, einen krug lindenblütentee, leicht gezuckert, zwieback ... dann war schwitzen angesagt - das war mir sehr unangenehm, klebrig, harte brösmeli vom zwieback im bett ...
meine süssigkeiten zum naschen holte ich mir selbst: gemahlene nüsse oder haferflöckli mit: reichlich zucker:-))
zum geburtstag gab's oft richelieutorte mit rosazuckerglasur vom confiseur! mmmhhh, so richtig, richtig sehr, sehr süsss!
unsere mutter kochte gerne, einfach,deftig, fein! nachkriegszeit, 60er jahre eben...
jetzt bin ich pensioniert und übe die tcm-küche, es ist spannend und macht mir spass!
danke für deine reichlich sprudelnde quelle an inspiration!

Liebe Ursula,
vielen Dank für deinen Kommentar!
Ja, das Schwitzen kenne ich auch von meiner Kindheit. Ich wurde als Ganzes in ein heißes, feuchtes Leintuch eingewickelt und konnte nicht mal meine Hände bewegen, das habe ich auch eher unangenehm in Erinnerung. Andererseits denke ich: Wow, cooles Hausmittel! :)
Liebe Grüße,
Katharina

Ganz toller Beitrag liebe Katharina!!
Vor allem der Satz "Würdest du so mit deiner besten Freundin sprechen?" Das muss ich mir beim nächsten "Rückfall" in Erinnerung rufen!

Wenn es mir nicht gut ging hat meine Mama mir oft Grießkoch gemacht - mit viel Kakao oben drauf.
Und als Sonntagsdessert gab es oft Vanillepudding mit Ribisel- oder Himbeersirup :) das erinnert mich immer an früher...

Liebe Nadine,
danke für deinen Kommentar und das liebe Feedback, das freut mich!
Ja, für mich hat diese Erinnerung, mit mir selbst wie mit der besten Freundin zu sprechen, sehr viel gebracht, ich empfehle es dir von Herzen, immer wieder dran zu denken.
Mmhh, Grießkoch, das habe ich auch oft gegessen als Kind.
Liebe Grüße,
Katharina

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