Gastartikel: Berührung – eine besonders angenehme Möglichkeit deine Mitte zu stärken (von Isabell Frick)

Foto von Isabell Frick, Shiatsu-Praktikerin in Wien

Isabell Frick ist Shiatsu-Praktikerin und ganzheitliche Bewegungspädagogin. Sie vermittelt in 3-Stunden-Workshops einfache Shiatsu-Techniken für Paare, Freund/innen und Einzelpersonen und gibt Shiatsu-Einzelbehandlungen im Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk in Wien. Die Workshops reichen von „Ich stärk dir den Rücken“ über „Entspanntes Schulterzucken“ und „Schmetterlinge im Bauch“ bis „Kopf im Glück“ - und vermitteln Handwerkzeug für besondere Momente zu Zweit.

In ihrem Gastartikel bei Katharina schreibt sie über die Bedeutung von Körperkontakt und gibt einige praktische Tipps für Berührungen mittels Shiatsu oder ganz einfachen Alltagshandlungen.

Achtsame Berührung stärkt die Mitte

Die Mitte meint hier die Verdauungskraft.

Martin Grunwald, ein Hirnforscher und Pionier der Haptikforschung (d.h. der Erforschung des Tastsinnes und der Berührung) und Autor des Buches „Homo hapticus“ (2017) beschreibt es noch weitreichender: 

„Ohne Berührung ist menschliches Leben nicht möglich. Körperkontakt ist quasi ein Lebensmittel.“

Sein Buch gewann kürzlich den Titel „Wissenschaftsbuch des Jahres“. In zahlreichen Studien konnte Grunwald nachweisen, dass Berührung unser Leben von Anfang bis Ende begleitet und überhaupt erst ermöglicht. Einen kleinen Auszug seiner spannenden Entdeckungen möchte ich hier mit euch teilen.

Berührung ist überlebenswichtig ab dem Beginn des Lebens

Grunwald schreibt, dass ein Embryo im Mutterleib seine Umgebung und sich selbst spürt lange bevor er sehen, hören, schmecke und riechen kann. Ohne Körperkontakt könnte ein Säugling nicht überleben und das Gehirn kann ohne Körperreize nicht wachsen und reifen. So konnte Grunwald nachweisen, dass Embryos sich nicht nur zufällig mehrmals täglich im Gesicht berühren:

„Setzt man nämlich die Anzahl der Gesichtsberührungen eines Fötus in ein Verhältnis zum subjektiv erlebten Stresslevel der Mutter, wird deutlich, dass sie umso häufiger auftreten, je gestresster die Mutter sich fühlt.“

Wenn Mütter rauchen oder einen aufregenden Film anschauen, berühren sich die Babys öfter – sie sind somit dem mütterlichen Stress nicht ganz hilflos ausgesetzt, sondern können sich durch diese Gesichtsberührungen ein stückweit selber beruhigen. Beeindruckend, wie ich finde.

Umarmungen senken den Blutdruck

Aber nicht nur Kinder brauchen Berührung – auch Erwachsene profitieren nachhaltig davon.

Beispielsweise konnte in einer Studie nachgewiesen werden, dass bereits eine kurze Umarmung von 20 Sekunden zur Senkung des Blutdrucks und Verminderung der Herzfrequenz führt. In einer anderen Studie sank nach einer nur 10-minütigen Massage durch den Partner die Cortisolkonzentration (ein Stresshormon) und die Herzfrequenz der Partnerinnen, die diese erhielten.

In diversen weiteren ausgeklügelten Studien konnte nachgewiesen werden, dass achtsame bzw. situationsadäquate Berührung zu positiven Emotionen führt, Stresserleben reduziert, das Immunsysten stabilisiert und sich entzündungshemmende Prozesse beschleunigen.

Zusammenfassend schreibt Grundwald, dass durch adäquate Berührung quasi eine körpereigene Apotheke geöffnet werden kann. Das erinnert mich an die Ernährungstipps von Katharina – auch Nahrungsmittel sind doch quasi eine kleine Hausapotheke.

Meine Erfahrungen mit den Auswirkungen von Shiatsu

Wenn ich Shiatsu gebe, merke ich oft ganz direkt, dass der Bauch meiner/s Klient/in nach einiger Zeit zu gurgeln beginnt – der Darm entspannt sich, vergisst den Stress und kann wieder seiner eigentlichen Arbeit nachkommen. Egal, ob er davor zu schnell oder zu langsam gearbeitet hat, durch die Berührung und die damit verbundene Entspannung wird er gestärkt.

Wo genau diese Berührung stattfindet – am Bauch oder doch lieber an den Füßen oder eine entspannende Rückenbehandlung -, ist dabei nicht so wichtig. Hauptsache, die Berührung fühlt sich für dich angenehm an.

Manchen ist Berührung von fremden Menschen im ersten Moment unangenehm – deswegen gebe ich Shiatsu-Griffe gerne in Paar-Workshops weiter. So findet die Berührung durch den Menschen statt, der/die mir am nächsten steht und wo ich weiß, dass ich die Berührung schätze. Klar, nach 3 Stunden sind die Griffe nicht so professionell wie von einer ausgebildeten Shiatsu-Praktikerin oder einem Masseur, aber du sollst ja auch keine chronischen Rückenschmerzen behandeln, sondern darfst einfach mit dem Vertrauensvorschuss deines/r Partner/in Berührung schenken – dein/e Partner/in weiß das zu schätzen.

Worauf ist bei Shiatsu in der Eigenanwendung zu achten?

Prinzipiell sage ich immer, dass du weit weniger falsch machen kannst, als du denkst.

Die meisten sind eher zu vorsichtig als zu grob. Wenn du dem Körper unter deinen Händen achtsam begegnest, wird dieser nicht zerbrechen – und du wirst merken, wie die Berührung ankommt.

Damit bin ich bereits bei einem ganz wichtigen Tipp: Lass dir Feedback geben! Sagt euch gegenseitig, welche Berührung gerade angenehm ist, so könnt ihr gemeinsam lernen.

Ein weiterer Grundsatz ist, dass es ganz wichtig ist, dass die gebende Person sich wohlfühlt und entspannt ist. Berührung zu bekommen von einer verspannten Person ist unangenehm.

Daher, spür zuerst selber in dich hinein, konzentrier dich einen Moment lang auf deine Atmung und such eine gemütliche Position, bevor du losstartest. Wann immer diese Position unangenehm wird, verändere sie, mach jederzeit Pause.

Mach es so, dass es leicht ist und dir selber Spaß macht. Dieser Punkt wird oft unterschätzt.

Vorschlag für eine konkrete Technik aus dem Shiatsu für zuhause

Als eine mögliche Technik aus dem Shiatsu empfehle ich auf dem Boden auf einer Decke liegend zu arbeiten.

So kann die gebende Person ganz leicht ihr Gewicht von oben auf die liegende Person „gießen“ und braucht sich dabei nicht anzustrengen. Konkret heißt das, dass du deine ganzen Handflächen verwendest und mit der Ausatmung auf eine vorher gewählte Stelle auf dem Körper deines/r Partner/in einsinkst.

Es geht dabei nicht darum, absichtlich Druck zu geben – es reicht, wenn du dich mit deinem Körpergewicht einsinken lässt. Du musst dazu deinen Schwerpunkt über deine Hände platzieren. Am besten kniest du und dein Becken ist in der Höhe und beweglich.

Wenn du die Technik halbwegs verstanden hast, kannst du damit über den ganzen Körper deines/r PartnerIn wandern. Diese/r kann zuerst auf dem Bauch und dann auf dem Rücken liegen. Heikle Zonen wie etwa der Kopf oder Kniegelenke lässt du aus.

Am Anfang mag es recht kompliziert klingen, aber mit der Zeit wird es immer logischer und leichter; die Bewegungen werden mehr und mehr zu einem Tanz. Wenn dir diese Technik zu kompliziert ist, lass sie wieder gehen und mach einfach, was dir in den Sinn kommt.

Und vergiss nicht, wenn du davon müde wirst, mach Pause. Gebt euch Feedback – und macht es sooft ihr ein wenig Zeit miteinander findet und Lust dazu habt; so werdet ihr immer mehr Profis darin. Sich gegenseitig auf diese Art und Weise zu berühren ist eine ganz wundervolle Möglichkeit den Tag zu beenden.

Und was ist, wenn ich keine/n Partner/in habe, der/die mich berühren könnte?

Es gibt auch Techniken, die allein funktionieren und zur Entspannung und mehr Körpergefühl beitragen.

Eine meiner Lieblingstechniken nenne ich Besenstiel-Meditation. Lege einen Besen oder eine runde Holzstange quer vor dir auf den Boden und geh darauf spazieren. Denk dabei an einen weichen Waldboden, auf dem du einsinken kannst. Schau geradeaus, nicht nach unten. Die Ferse bleibt immer am Boden.

Mach es solange bis du ruhiger wirst - oder einfach solange wie du üblicherweise Zähne putzt. Einfach aber wirkungsvoll. Vor allem abends, wenn das Gedankenkreisen abends nicht nachlassen mag, der Kopf brummt oder der Rücken spannt. Ich wende es auch gerne an, wenn ich noch kurz ein paar Minuten Zeit habe, bevor ich Shiatsu gebe.

Und wenn du doch lieber Berührung mit anderen Menschen bevorzugt: Umarme deine Freund/innen zur Begrüßung – anstatt nur „Hallo“ zu sagen.

Oder tröste jemanden, der/die dir nahe steht, durch eine kurze Berührung auf der Schulter oder am Rücken. Reich jemanden die Hand.

Viele kleinen Berührungen in der Familie und im Freundeskreis sind kulturell akzeptiert – und tragen zum gegenseitigen Wohlbefinden bei. Bereits kurze Momente machen einen Unterschied.

Ich wünsche dir viel Freude damit deinen Körper zu spüren, Berührung zu schenken und Begegnung zu vertiefen!

Mehr zum Thema:

  • Buchtipp: „Homo hapticus – Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können“
  • 3-stündige Shiatsu-Workshops für Paare, Freund*innen und Einzelpersonen: www.shiatsufürzwei.at

Vielen Dank an Isabell für diesen wundervollen Artikel! Falls du Fragen dazu hast, schreibe sie bitte in die Kommentare, Isabell hilft dir gerne weiter.

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Kommentare

Hallo!
Sehr interessanter Artikel. Ich finde den Absatz sehr interessant, wo geschrieben wurde, dass man mit Umarmungen den Bluthochdruck senken kann. Bezüglich des Bluthochdrucks bin ich allerdings der Meinung, dass die Ernährung sehr wichtig ist. Fisch enthält zB Omega 3 und neulich habe ich gelesen, dass Omega 3 positiven Einfluss, insbesondere der Omega-3-Fettsäure DHA, auf den Blutdruck haben kann. Ich habe zB auch hier https://omega-3-fettsäuren.info weitere interessante Erkenntnisse gewinnen können.

Grunwald nennt den Blutdruck einfach als einer von verschiedenen Parametern dafür, dass der STRESS im Körper durch Berührung weniger wird.
BlutHOCHdruck kommt in seinem Buch nicht konkret vor - bestimmt tut Berührung auch da gut; da braucht's aber bestimmt mehr Maßnahmen.
Omega3 kenn ich zwar aus Erzählungen, da kenn ich mich aber selber nicht aus damit.
Alles Gute!
Liebgruß, Isabell

Danke für die tollen und hinweisenden Worte - während meiner Arbeit in der Energetik bemerke ich immer wieder die "Baucharbeit" mittels Glucksen. Viele der Klienten/Innen sind selber erstaunt darüber, und ich sage dazu, dass das echt toll ist und alles bereit ist für die Mitarbeit. Schön, wenn die Personen einfache Berührungen schon annehmen, auch wenn es ihnen nicht direkt bewusst ist.
Ich finde den Artikel einfach toll und einen ganz wichtigen Hinweis. DANKE

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