Gastartikel: TCM-Ernährungsberatung bei Essstörungen: Herausforderungen und Grenzen (von Olivia Wollinger)

Buchcover von "Essanfälle adé" von Olivia Wollinger
Heute freue ich mich sehr über diesen Gastartikel zu einem Thema, mit dem ich mich erst wenig beschäftigt habe: Die TCM und Essstörungen. Olivia Wollinger ist Autorin des Buchs „Essanfälle adé“ (Ullsteinverlag 2018). Sie hat eine Praxis für Körperarbeit in 1090 Wien, in der sie überwiegend mit der Methode nach Marion Rosen arbeitet. Darüber hinaus bietet sie Wochenend-Workshops für Frauen mit emotionalem Essverhalten an und bloggt auf www.aivilo.at

In diesem Artikel widme ich mich folgenden Fragen:

  • Inwiefern können die Muster der Essstörung die TCM-Ernährungsberatung beeinflussen?
  • Falls eine Essstörung vorliegt, was sollte bei einer TCM-Ernährungsberatung von BeraterIn bzw. KlientIn beachtet werden?
  • Ist eine TCM-Ernährungsberatung sinnvoll, wenn man an einer Essstörung leidet?

Es geht hier v.a. um die Essstörungsformen Bulimie, Bulimie non purging type und Binge Eating.
Der Einfachheit halber nutze ich in der Folge meistens die weibliche Form der Wörter. Ich hoffe, dass sich dadurch geschätzte Leser nicht abschrecken lassen.

Es gibt keine allgemeingültigen Regeln

Zunächst möchte ich betonen, dass es keine allgemeingültigen Regeln gibt, weil alle Menschen unterschiedlich sind. Das was ich hier beschreibe, ist das Fazit aus meinen persönlichen Erfahrungen und jenen, die ich in zwei Jahrzehnten Arbeit mit Menschen sammeln durfte.

Ich litt in meinen 20ern an einer Essstörung, nämlich an der Form „Bulimie non purging type“, was bedeutet, dass ich die Symptome der Bulimie hatte, außer dem Erbrechen. Ich war praktisch immer auf Diät, außer wenn mich wieder einmal ein Essanfall überrollte. Meine TCM-Ernährungsumstellung begann ich mit 30, als ich nach ein paar Jahren Arbeit an mir selbst keine Essanfälle mehr hatte. Es brauchte wiederum einige Jahre, bis ich an die für mich damals neue Ernährungsweise gewohnt war und sie in mein Alltagsleben integrieren konnte. Im Jahr 2007 machte ich die Ausbildung zum TCM-Ernährungscoach, biete allerdings keine Beratungen mehr an.

Heute (Jänner 2020) bin ich 47 Jahre alt und ernähre mich immer noch überwiegend nach den Prinzipien der TCM. Darüber hinaus bin ich eine große Freundin der ayurvedischen Heilkunde geworden.

Zunächst möchte ich erklären, wie es sich anfühlt, an einer Essstörung zu leiden.

Was ist eine Essstörung?

Die Essstörung ist eine psychische Erkrankung, daher gibt es in der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) 
eine Definition der Symptomatik.

Aus meiner Erfahrung sollten die inneren Alarmglocken läuten, wenn folgende Punkte zutreffen:

  • Figur und Gewicht spielen eine große Rolle. Es wird viel getan, um das Wunschgewicht zu erreichen bzw. zu halten. Wenn man meint, zu wenig getan zu haben, schlägt das schlechte Gewissen erbarmungslos zu.
  • Die falsche Zahl auf der Waage kann einem binnen Sekunden den ganzen Tag vermiesen.
  • Lebensmittel werden in „erlaubte“ (= gesund) und „verbotene“ (= ungesund) eingeteilt. Die Idealvorstellung ist es, ausschließlich Gesundes zu essen.
  • Trotz aller selbstaufgelegter Disziplin kommt es regelmäßig zu Essattacken. Das sind Heißhungeranfälle, bei denen man unkontrolliert, wie in Trance und hastig Essen in sich hineinstopft.
  • Bei vielen Betroffenen tritt das „Grasen“ an die Stelle von Essattacken, also der Drang bzw. der Druck ständig zu essen. Diese Form der Essstörung nennt man „Binge Eating Disorder“.
  • Der Essdruck wird als heftig erlebt, sodass keine Ablenkung dagegen hilft. Tipps wie „nimm ein schönes Schaumbad“ oder „ruf eine Freundin an“ statt zu essen, werden von Betroffenen als Hohn erlebt.
  • Mit dem Wunschgewicht sind eine Reihe von Träumen verbunden, beispielsweise „Wenn ich XY Kilo wiege, werde ich endlich glücklich sein.“
  • Man fühlt sich immer zu dick, selbst wenn man sein Wunschgewicht endlich erreicht hat. Das sich zu dick fühlen ist also unabhängig vom tatsächlichen Gewicht.
  • Es besteht großer Selbsthass, vor allem bezogen auf den eigenen Körper.
  • Es gibt das Gefühl „Mit meinem Essverhalten stimmt etwas nicht.“ oder „Ich leide an meinem Essverhalten.“

Sich einzugestehen, dass man an einer Essstörung leidet, ist schwierig, denn wer möchte schon psychisch krank sein? Dennoch ist genau diese Selbstehrlichkeit wesentlich für den Heilungsweg. Sobald man endlich versteht, was einem fehlt, wird es einfacher, die passende professionelle Hilfe zu finden. Wie bei allen psychischen Erkrankungen ist dies zunächst die Psychotherapie.

Hier findest du noch zwei Links von meinem Blog, die helfen können, in der Frage: „Ist es eine Essstörung?“ Klarheit zu gewinnen:
„Wann kippt ein Diät-Tick in Esssucht?“ und ein Selbsttest, den du kostenfrei und ohne Angaben von Daten machen kannst. 

Herausforderungen der TCM-Beratung bei Essstörungen

Eine Essstörung zu haben bedeutet nicht nur, Probleme mit dem Essverhalten und dem Köper zu haben. Sie beinhaltet eine Vielzahl von Begleiterscheinungen, die bei einer TCM-Beratung zu beachten sind.

1. Verheimlichen und Verdrängen

Die Herausforderung

Als ich mitten in meiner Essstörung steckte, war in meinem Alltag alles, das ich als „ungesund“ einstufte, verboten. Dass ich mir genau diese Dinge bei regelmäßigen Essanfällen hineinschob, verdrängte ich. Denn wenn ich es schaffte, danach wieder mit höchster Disziplin ein paar Tage lang eine „gesunde“ Phase durchzuhalten, war ich überzeugt: „Das ist jetzt für immer, nun habe ich den Dreh raus!“

Bis ich vom nächsten Essanfall überrascht wurde und das „Spiel“ von vorne begann.

Viele Betroffene führen ein Doppelleben: Vor anderen wird nur gesund gegessen, alles andere passiert heimlich. Dazu kommt ein großes Schamgefühl. Das eigene Essverhalten wird als große Disziplinlosigkeit, als maßloses Versagen erlebt. Daher fällt es vielen Betroffenen äußerst schwer, dieses Verhalten offenzulegen.

Impulse für die TCM-Beratung

Wenn man sich dazu entschließt, in eine TCM-Beratung Zeit und Geld zu investieren, ist es als Klientin ratsam, mit offenen Karten zu spielen. Man kann nur gesehen werden, wenn man den Mut hat, sich zu zeigen.

Wird das wahre Essverhalten verheimlicht, ist es für die TCM-Beraterin naturgemäß unmöglich, angemessen zu begleiten. Am besten klärt man mit der erfahrenen Psychotherapeutin ab, ob der Zeitpunkt für TCM-Ernährungsberatung im jetzigen Stadium des Heilungswegs der passende Schritt ist. Falls die Offenlegung der Essstörung noch nicht möglich ist, möchte diese innere Grenze respektiert werden. Dann sollte weiter in die psychische Gesundung investiert werden, bis die Psyche bzw. das Essverhalten stabil genug sind, um eine Ernährungsumstellung sinnvollerweise beginnen zu können.

Bei der Auswahl des TCM-Coachs ist es ratsam, eine Person zu wählen, bei der man sich sicher genug fühlt, um sich anvertrauen zu können. Außerdem sollte es eine Beraterin sein, die mit den Symptomen der Essstörung vertraut ist. Im ersten Beratungsgespräch können einige behutsame Fragen in Richtung Essstörungen das „Outing“ der Klientin erleichtern. Die direkte Frage: „Haben Sie eine Essstörung?“ ist vermutlich nur bedingt sinnvoll, weil es sein kann, dass sich die Klientin mit der Diagnose noch nicht identifizieren kann.

Zielführender finde ich Fragen zum Ess- und Diätverhalten, wie sie beispielsweise in diesem Selbsttest angeführt sind.

2. Essanfälle bzw. Essdruck

Die Herausforderung

Wenn man an einer Essstörung leidet, werden vor allem die Essanfälle bzw. der Essdruck als extrem belastend erlebt. Wenn dieses Übel endlich weg wäre, so träumt man, wäre das Leben und das Körpergefühl endlich gut, geradezu perfekt. Daher wird genau das von Betroffenen als Erfolgskriterium herangezogen: Hatte man eine gewisse Zeit keine Essanfälle bzw. nahm der Essdruck merklich ab, wird eine Maßnahme als erfolgreich erlebt. Manchmal kann ein solcher Erfolg einen euphorischen Zustand auslösen: „Jetzt habe ich es geschafft! Ich habe endlich DEN Schlüssel gefunden! Ab jetzt wird ALLES gut!“

Passiert dann doch wieder ein Essanfall, kann diese Stimmung ins Gegenteil kippen: „Auch das bringt rein gar nichts.“ Mitunter wird aus Enttäuschung die Zusammenarbeit mit der begleitenden Person abgebrochen, nicht selten kommentarlos.

Impulse für die TCM-Beratung

Bei Essanfällen wird überwiegend genau das gegessen, was man sich im Alltag verbietet. Die Zusammensetzung des Essanfalls bietet daher wertvolle Anhaltspunkte für die TCM-Ernährungsberatung.

Dennoch muss man sich bewusst machen, dass das TCM-Ernährungscoaching die Essanfälle bzw. den Essdruck nicht wegzaubern wird können. Die Essanfälle sind nämlich viel mehr als „nur“ Heißhunger aufgrund von körperlichem Mangel. Sie haben für den betroffenen Menschen eine geradezu überlebenswichtige Funktion: Sie sind da, um nicht aushaltbare Gefühle zu regulieren und seelische Mängel zu füllen.

Eine Ernährungsberatung kann daher Ergänzung zur Psychotherapie sein, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist essentiell, als TCM-Ernährungsberaterin diese Grenzen im Auge zu behalten, also keine unrealistischen Erwartungen zu hegen. Es geht darum, trotz der Sucht einen Weg zu finden, dem Körper Gutes zu tun.

Ich finde es wichtig, am Beginn des Beratungsgespräch möglichst offen darüber zu sprechen und gemeinsam realistische Ziele zu definieren. Als TCM-Ernährungsberaterin sollte man sich nicht hinreißen lassen, Tipps gegen den Essanfall bzw. den Essdruck zu geben, auch wenn diese gewünscht oder erwartet werden. Denn wenn man von einem echten Essanfällen überrollt wird, ist es leider unmöglich, stattdessen beispielsweise eine gute Tasse Tee zu trinken oder ein paar Datteln zu essen.

Meiner Meinung nach geht es in der Beratung vielmehr darum, wie man TCM-mäßig am Tag nach dem Essanfall (oder nach dem Erbrechen falls dies Teil der Essstörung ist) am besten für sich sorgen kann. Dabei ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es nicht an einem Mangel an Disziplin liegt, wenn diese Ziele nicht erreicht werden können, selbst wenn diese noch so realistisch schienen. Es liegt vielmehr daran, dass das übermäßige Essen Teil der Symptomatik der Essstörung ist und daher vertraute Muster nicht so einfach aufgegeben werden können, selbst wenn sie schädigend sind.

3. Starre Definitionen von „gesund“ und „nicht gesund“

Die Herausforderung

Wenn man an einer Essstörung leidet, beschäftigt man sich üblicherweise intensiv mit Essen. Es werden immer wieder neue, vielversprechende Diäten ausprobiert. Viele denken daher, dass sie bereits alles über gesunde Ernährung wissen.

Ich beispielsweise ernährte mich früher überwiegend von Obst, Salat, rohem Müsli, Hüttenkäse, Karotten, Gurkensticks und Joghurt (unterbrochen von Essanfällen mit Schokokeksen, Käse und Croissants). Ich war davon überzeugt, grundsätzlich einen gesunden Lebensstil zu haben (die Essanfälle blendete ich aus). Dass ich sehr einseitig aß, war mir nicht bewusst. Dass mir ständig kalt war, empfand ich als normal. („So ist das nun mal als Frau.“) Die Bauchkrämpfe und Blähungen gehörten für mich zum Essen dazu, sodass ich sie nicht hinterfragte.

Was ich als „gesund“ definierte, war laut TCM ganz und gar nicht gesund für mich. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die das, was sie für sich als gesund erachten („Ich weiß, ich sollte mehr Obst und Gemüse essen.“) aus verschiedenen Gründen nicht zu sich nehmen und stattdessen übermäßig z.B. zu Fleisch, Frittiertem, Nudel- oder Fertiggerichten greifen.

Wie auch immer, eine TCM Ernährungsumstellung bedeutete vielfach eine komplette Umstellung der (Ess-)Gewohnheiten, Geschmacksvorlieben und Glaubenssätze.

Impulse für die TCM-Beratung

Als Mensch mit Essstörung hat man oft eine starre Liste, was „gesund“ oder „ungesund“ ist, und es fällt sehr schwer davon abzuweichen. Nicht selten wird die Ernährungsform von Influencern nachgeahmt, die scheinbar den perfekten Lebensstil gefunden haben. Daher kann es sein, dass verschiedene Dinge, die in der TCM als wichtig erachtet werden, von der Klientin abgelehnt werden.

Beispielsweise steht bei vielen Menschen mit Essstörungen die Paleo-Diät bzw. Low-Carb hoch im Kurs, weshalb das kohlehydratreiche Porridge als Ernährungssünde eingestuft wird.

Ich würde der TCM-Beraterin empfehlen, den bisherigen Weg nicht schlecht zu machen, denn schließlich behaupten alle Diäten von sich, die allerbeste Ernährungsform zu sein. Was soll man als Konsumentin denn nun glauben? Sich schuldig zu fühlen oder Scham zu empfinden, weil man schon wieder etwas falsch gemacht hat, ist bei Menschen mit Essstörung sowieso ein gängiges Muster. Außerdem ist das Selbstbewusstsein bei Menschen mit Essstörung üblicherweise kaum vorhanden.

Es sollte auch nicht verlangt werden, den alten Weg sofort komplett zu verlassen, denn das kann große Unsicherheit auslösen. Bei einer Ernährungsumstellung finde ich es zudem sinnvoll, Kochkurse zu belegen, damit man lernt, Gemüse bzw. frische Nahrung so zuzubereiten, dass es wirklich schmeckt. Dann wird es ein bisschen einfacher, gewohnte Pfade zu verlassen.

4. Die Sehnsucht nach raschen Lösungen und Gewichtsverlust

Die Herausforderung

Die Essstörung wird als extrem belastend erlebt. Daher wird von den Betroffenen immer wieder nach raschen Lösungen gesucht, nach Wundermitteln. Die Hoffnung lebt, dass sich „der Schalter im Kopf umlegt“, dass der Essdruck verschwindet, das Zielgewicht erreicht wird und dann endlich das lang ersehnte Glück da ist.

Impulse für die TCM-Beratung

Jede Ernährungsumstellung braucht Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen. Leidet man an einer Essstörung, wird es noch um einiges schwieriger, am jahrelang gewohnten oder antrainierten Essverhalten etwas zu verändern. Daher kann es ratsam sein, den Enthusiasmus, der sich gerne zu Beginn zeigt „Alles umstellen, jetzt sofort und für immer! Ich schaffe das bestimmt, kein Problem!“ ein wenig zu bremsen.

Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, welche Schritte momentan tatsächlich umgesetzt werden können. Auch kleine Veränderungen können sehr wichtig sein, vor allem wenn sie dauerhaft sind! Primäres Ziel sollte nicht das rasche Abnehmen sein.

Die Unzufriedenheit mit dem Körpergewicht ist Teil der Essstörungs-Symptomatik, unabhängig davon, welches tatsächliche Gewicht die betroffene Person auf die Waage bringt. Es geht vorerst darum, die aktuelle Figur zu akzeptieren, wie sie ist, statt ein Ideal anzustreben und es geht darum, das Wohlgefühl im eigenen Körper zu erhöhen. Parallel dazu muss z.B. mit Hilfe der Psychotherapie daran gearbeitet werden, den emotionalen Hunger zu verringern.

5. Perfektionismus und „Alles oder nichts“-Denken

Die Herausforderung

Ein weiteres verbreitetes Muster in der Essstörung ist der hohe Perfektionismus und das daraus resultierende „Alles oder nichts“-Denken. Dahinter steckt der unbewusste Glauben, nur dann wertvoll zu sein, wenn man fehlerfrei ist und alles richtig macht.

Umgelegt auf die Ernährung kann dies das folgende Denkmuster bedeuten: „Entweder stelle ich meine Ernährung immer zu 100% perfekt um. Falls ich einmal einen Ausrutscher habe, habe ich versagt, dann ist schon alles egal und ich pfeife drauf.“

Impulse für die TCM-Beratung

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass die TCM keine neue Diät ist, die man nur ein paar Wochen mit allergrößter Disziplin einhalten muss. Vielmehr ist es ein Lebenskonzept. Es geht auch nicht darum, „es zu schaffen“.

Es geht darum herauszufinden, wie man im jetzigen Leben, mitsamt der Essstörung, ein paar Dinge verändern kann, damit es dem Körper langfristig besser geht.

Das Perfektionsdenken der Essstörung führt dazu, dass sich viele Klientinnen sehr hohe Ziele auferlegen. Empfiehlt die Beraterin beispielsweise, die Brotmahlzeiten zu reduzieren, kann es sein, dass sich die Klientin vornimmt „ab nun nie wieder Brot zu essen“, denn schließlich möchten ja möglichst rasch, möglichst gute Resultate erzielt werden. Hier braucht es seitens der TCM-Beraterin eine einfühlsame Kommunikation. Sie kann z.B. betonen, dass es den wenigsten Menschen gelingt, sofort alles aufzugeben und dass es bereits toll wäre, wenn es gelänge, an 1-2 Abenden pro Woche statt dem Brot etwas von den gemeinsam erarbeiteten Alternativen zu essen.

6. Großer innerer Mangel

Die Herausforderung

Zum Wesen der Essstörung gehört es, dass die Seele weint, also ein großer innerer Mangel erlebt wird. Oft ist es so, dass das hemmungslose Essen die einzige wirkliche Freude, die einzige echte Fülle im Leben darstellt. Die ersehnte Möglichkeit, die Selbstkontrolle endlich zu lockern und sich Pausen zu gönnen. Das wirksamste Mittel, um nicht ertragbare Gefühle ruhigzustellen und sich ein bisschen zu entspannen. (Die Katerstimmung, die kurz danach folgt, wird beim Essen erfolgreich verdrängt.)

Impulse für die TCM-Beratung

Wenn man also zu einer Ernährungsberatung eine Liste mit Verboten ausgehändigt bekommt, kann es sein, dass der innere Mangel getriggert wird und man ein Gefühl von „ich darf ja gar nichts mehr essen“ bekommt. Das Verbot kann Essanfälle provozieren. Denn oft ist es so, dass genau jene Dinge, die man besonders liebt, für die Verdauung nicht zuträglich sind.

Wenn beispielsweise erwähnt wird, dass Brot für die Klientin nicht so gut sei, kann es passieren, dass sie genau auf Brot großen Heißhunger entwickelt und nicht mehr aufhören kann, es zu essen. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist es, bei einer Ernährungsumstellung zunächst möglichst nichts wegzunehmen. Stattdessen achtet man darauf, Dinge hinzuzufügen oder sehr gute Alternativen zu finden.

Bei mir war das z.B.

  • Warmes Wasser trinken statt kaltes, zumindest zimmerwarmes. Fruchtsäfte mit heißem Wasser verdünnen statt mit Kaltem.
  • Packerlsuppen durch handgemachte ersetzen. (in meinem Fall hieß das Kochen lernen, später investierte ich in eine Küchenmaschine, die mir das abnahm.)
  • neue Dinge kennenlernen (da ich z.B. früher mit Kürbis oder Hirse wenig zu tun, wusste ich nicht, dass ich es mochte, auch das Porridge war mir neu)
  • Popcorn selbst machen statt Mikrowellenpopcorn
  • Industriebackwaren durch handgemachte ersetzen (Ich lernte, selbst Kuchen zu machen. Hier war es wichtig, einfache Rezepte zu lernen, die schnell zusammengerührt waren.)
  • Brot, das nicht mehr frisch war, toastete ich. (Für mich klappte es nicht, mir das Toasten immer vorzunehmen, denn auf herrlich frisches Brot ganz verzichten zu müssen, triggerte mein Mangelgefühl enorm.)
  • Wenn Brot, dann von der Biobäckerei, also eines, das nicht den im Supermarkt üblichen Prozess des Tieffrierens und Aufbackens durchlief.
  • Wenn Schokolade oder Süßigkeiten, dann keine billige Massenware, sondern hochwertige Produkte. (Dazu war zunächst eine Marktrecherche notwendig.)

7. Selbsthass und fehlende Selbstfürsorge

Die Herausforderung

Eine Ernährungsumstellung braucht Selbstfürsorge, Geduld und Verständnis für eigene Schwächen. Ein Muster der Essstörung ist es allerdings, dass man verlernt (oder in den meisten Fällen sogar nie gelernt) hat, gut für sich selbst zu sorgen. Das führt dazu, dass man nicht gerade freundlich mit sich selbst umgeht. Man hat sozusagen einen inneren Richter eingebaut, der ständig auf einen herumhackt.

„Jetzt hast du es schon wieder nicht geschafft, dir eine Suppe zu kochen. Du hast extra in eine teure Beratung investierst und bekommst es schon wieder nicht hin. Mensch, du bist echt die allergrößte Versagerin auf dieser Welt. Dir ist nicht mehr zu helfen.“

Impulse für die TCM-Beratung

Großer Selbsthass erschwert es enorm, liebevoll mit sich umzugehen. Dann kocht man die Suppe, weil „man muss“ oder weil „es die Beraterin gesagt hat“, aber man tut es nicht, um sich selbst liebevoll zu versorgen.

Wenn das Verhalten eher aufgesetzt ist als aus einem inneren Bedürfnis entspringt, kann es oft nicht dauerhaft durchgehalten werden. Dann werden viele gute Gründe angeführt, wieso es z.B. mit dem Suppe kochen nicht geklappt hat (Arbeit, Haushalt, Kinder, …). Aber oft liegt es an den inneren Widerständen und daraus resultierenden zeitraubenden Ablenkungsmanövern (z.B. Social Media, Handyspiele, Serien schauen). Hier braucht es viel Geduld seitens der TCM-Beraterin. Wenn man allerdings noch nicht gelernt hat, liebevoll mit sich selbst umzugehen, bedingt das oft, dass man auch mit liebevollem Umgang im Außen nicht umgehen kann.

Dann werden von vielen Betroffenen Coaches gewünscht, „die einem mal ordentlich in den Hintern treten“ oder „mir endlich sagen, wo es langgeht“. Ich persönlich bin allerdings davon überzeugt, dass der „Tritt in den Hintern“-Weg bei einer Essstörung vielleicht kurzfristig hilft, langfristig aber nach hinten losgeht. Den liebevollen Umgang lernt man am besten, wenn man sich mit Menschen umgibt, die das bereits können. Wir sind soziale Wesen und lernen auch durch Nachahmung.

Daher wäre mein Rat an Menschen mit Essstörungen: Suche nach einer TCM-Beraterin, bei der du das Gefühl hast, dass sie gut für sich selbst sorgen kann und die klar und authentisch wirkt.

8. Die Verbindung zum Körper ist unterbrochen

Die Herausforderung

Leidet man an einer Essstörung, ist man meistens in irgendeiner Form von seinem Körper abgekoppelt. Diese Abkoppelung (Dissoziation) entsteht über Jahre als wirkungsvoller Schutzmechanismus, um seelische Verletzungen, die z.B. aufgrund von einem Entwicklungstrauma entstanden, abzuwehren.

Je weniger man mit sich selbst verbunden ist, desto besser kann dieser seelische Mangel verdrängt werden. Darüber hinaus lenkt der tägliche Kampf mit dem eigenen Körper wirkungsvoll davon ab. Der Nachteil dieses Schutzmechanismus ist, dass man nicht mehr spüren kann, was dem Körper guttut und was nicht. Sogar das Fühlen von Hunger und Sättigung fällt schwer oder wurde verlernt.

Ernährungsentscheidungen werden im Kopf getroffen. Man DENKT, was gesund ist und wann man satt sein sollte, statt es zu FÜHLEN. Das führt oft dazu, dass das Essverhalten großen Schwankungen unterworfen ist. Nicht selten wird das Frühstück gestrichen, um den Essanfall am Tag zuvor auszugleichen. Oder es wird den ganzen Tag gegrast oder tagelang nur Gemüsesäfte getrunken.

Impulse für die TCM-Beratung

Für die TCM-Beratung bedeutet das, dass Veränderungen unter Umständen nicht gleich gespürt werden können. Man muss als Klientin also bereit sein, sich auf einen Weg einzulassen, von dem man nur glauben kann, dass er gut ist, es aber (noch) nicht weiß. Ich habe z.B. schon öfters von Klientinnen mit starkem Yang-Mangel gehört, dass eine Kraftsuppe als aufschwemmend oder blähend empfunden wird. Falls keine Lebensmittelallergie vorliegt, glaube ich, dass die Ursache dafür sein könnte, dass das warme Gefühl im Bauch ungewohnt und daher mit einem Völlegefühl verwechselt wird.

Einen vollen Bauch zu haben wird von Menschen mit Essstörung als Bedrohung erlebt, da die Gleichung im Kopf lautet "voller Bauch = ich habe zu viel gegessen = ich werde zunehmen".

Als Beraterin ist es zu respektieren, dass Tipps in Richtung regelmäßiges Essen vielleicht nicht sofort umsetzbar sind, da die Notwendigkeit nicht gespürt werden kann.
Außerdem ist zu beachten, dass der Gedanke an regelmäßiges Essen große Angst vor Zunahme bewirken kann, ein Symptom der Essstörung. Das Vertrauen in den Körper ist gebrochen und muss erst wieder Schritt für Schritt aufgebaut werden.

Auf der anderen Seite kann es auch ein Muster der Essstörung sein, dass kaum Pausen zwischen den Mahlzeiten gemacht, sondern ständig gegrast wird. Daraus entsteht dann das, was die TCM „Lebensmittelstagnation“ nennt: Der Körper hat keine Gelegenheit mehr in Ruhe zu verdauen, da ständig Nachschub kommt. Hier muss erst wieder gelernt werden, Mahlzeiten einzuhalten mit angemessenen Pausen dazwischen. Aufgrund der psychischen Komponente der Essstörung, kann dies allerdings schwer sein, beispielsweise große Verlustängste provozieren.

Viele Menschen mit Essstörungen wissen nicht mehr, was sie in welchen Mengen essen sollen. Sie wünschen sich daher sehnlichst detaillierte Ernährungspläne, am besten mit präzisen Mengenangaben. Diese schaffen meistens nur kurzfristig Erleichterung. Denn Menschen mit Essanfällen fällt es schwer, langfristig Essenspläne einzuhalten, selbst wenn der Leidensdruck z.B. aufgrund von drohendem Diabetes hoch ist. Die Sucht ist stärker als der Wille.

Es ist nicht empfehlenswert, sich als Klientin nur mit Lebensmittellisten ausstatten zu lassen und zu versuchen, diese alleine abzuarbeiten. Das kann überfordern.
Es wäre gut, sich eine längerfristige Begleitung zu gönnen und Schritt für Schritt gemeinsam die Umstellung der Ernährung anzugehen. Parallel dazu geht es darum zu lernen, die Verbindung mit dem Körper wieder aufzubauen, vorerst mit Hilfe der Psychotherapie, später beispielsweise mit Hilfe der Körperarbeit.

9. Sucht nach Cola-Light oder Kaffee

Die Herausforderung

Um den Essdruck zu verringern, wird gerne zu kalorienfreien Getränken gegriffen, v.a. Cola-Light und Kaffee, oft auch Grün- oder Kräutertee.

Impulse für die TCM-Beratung

Als TCM-Beraterin sollte man darüber informiert sein, also konkrete Fragen in diese Richtung stellen.

Wenn täglich einen Liter oder mehr Cola bzw. Kaffee getrunken wird, können sich Beschwerden wie Sodbrennen oder Blähungen nicht bessern. Bei einem Liter oder mehr Pfefferminztee bzw. Grüntee pro Tag, könnte sich ein Yang-Aufbau als schwierig erweisen, da diese Tees thermisch gesehen besonders kühlend sind.

Alkohol und Essanfälle gehen übrigens oft Hand in Hand. Fragen in diese Richtung zu stellen, könnte für die TCM-Beraterin erhellend sein.

Die Cola- bzw. Kaffee-Sucht lässt sich von vielen Betroffenen nicht einfach abstellen. Daher wäre eine kleine Mengenreduktion bereits ein großer Erfolg.

Fazit: Ist eine TCM-Ernährungsberatung bei Essstörung sinnvoll?

Viele Menschen mit Essstörung folgen einer bestimmten Ernährungsform, ohne zu wissen, ob diese wirklich typgerecht ist. Daher finde ich es sinnvoll, gemeinsam mit einem Profi herauszufinden, welche Ernährungsform laut TCM die passende wäre. Wenn man sich allerdings noch in der Akutphase der Essstörung befindet, hat man als Betroffene noch nicht verinnerlicht, dass das Essverhalten und die Probleme mit der Figur nur das Symptom der psychischen Erkrankung sind. Dann hofft man die ersehnte Erlösung zu finden, indem man an den lästigen Symptomen arbeitet, also dem Essen und der Figur noch mehr Aufmerksamkeit schenkt.

Doch die Ursache für die Essstörung liegt viel tiefer. Sie hängt mit einer Vielzahl von kleineren und größeren seelischen Verletzungen zusammen, die man im bisherigen Leben erdulden musste bzw. die über Generationen weitergetragen wurden. Der Essdruck bzw. die Essanfälle haben für die Psyche eine immens wichtige Bedeutung, daher können sie nicht durch bloße Willenskraft abgestellt werden. Die Stärkung des Erdelements alleine reicht dafür nicht aus.

Eine TCM-Ernährungsberatung macht daher in meinen Augen erst dann Sinn, wenn die Klientin bereits weiter fortgeschritten ist auf ihrem Weg aus der Essstörung und wirklich verstanden hat, welche Funktionen das Essen in ihrem Leben übernimmt.

Außerdem ist es meiner Erfahrung nach zunächst notwendig, die unendlich vielen Essensverbote, die man sich als Mensch mit Esssucht auferlegt hat, zu lockern, bevor man erneut Veränderungen oder Restriktionen in sein Leben lässt. Meiner Meinung nach ist eine TCM-Ernährungsberatung daher erst dann sinnvoll, wenn die Klientin eine gewisse psychische Stabilität erreicht hat und sie sich nicht mehr nach all den selbst verbotenen Lebensmitteln verzehrt.

Zusammengefasst sollten meiner Meinung nach die folgenden Punkte beherzigt werden

  • Die Klientin ist am Weg aus der Essstörung bereits fortgeschritten, weiß also, dass das Essen nur das Symptom ist, die Ursache aber in der Seele liegt.
  • Die Klientin ist oder war in psychotherapeutischer Behandlung.
  • Die Klientin ist psychisch stabil genug, um die Ernährungsumstellung nicht als Bedrohung, sondern als spannenden Prozess zu erleben.
  • Die Klientin informiert die TCM-Beraterin über die Essstörung.
  • TCM-Beraterin und Klientin wissen, dass sich die Essanfälle durch die Ernährungsumstellung alleine nicht wegzaubern lassen.
  • Abnehmen ist nicht das einzige Ziel, es geht v.a. um das Gesunden an Geist und Seele.
  • Der Klientin ist es möglich, längerfristig zu denken, und sie versucht nicht, alles von heute auf morgen und für immer zu ändern.

Ich habe eine hohe Meinung zur TCM-Ernährungsphilosophie, da ich ihre Prinzipien ausgiebig studiert habe und nach all den Jahren immer noch wertvoll finde.
Dennoch: Am besten hilft uns immer das, was wir in der jeweils aktuellen Lebenssituation annehmen und integrieren können.

Wenn du noch mehr über meine eigene Ernährungsumstellung lesen möchtest, findest du einiges dazu in folgenden Artikeln:
Intuitiv essen: Ist Übergewicht abnehmen damit möglich? und Entzug von Zucker: Meine Erfahrungen

Meinen Weg aus der Essstörung kannst du im Buch "Essanfälle adé" nachlesen.

Nun bin ich gespannt: Siehst du die Dinge so wie ich? Oder hast du ganz andere Erfahrungen gemacht? Katharina und ich freuen uns auf einen Erfahrungsaustausch bzw. auf eine konstruktive und wertschätzende Diskussion in den Kommentaren.

Kommentare

Eine so gute und treffende Beschreibung habe ich bisher noch nicht gelesen. Sehr hilfreich! Vielen Dank!

Liebe Dorothea,
danke für deinen Kommentar und dein nettes Feedback! Ja, ich finde auch, dass Olivias Artikel sehr gut ist, und leite ihr deine Nachricht gerne weiter.
Liebe Grüße,
Katharina

Liebe Svenja,
danke für deinen Kommentar und liebe Grüße!
Katharina

Hallo ihr Lieben,

Ich habe selbst eine Essstörung und finde diesen Ansatz ganz, ganz toll! Der Artikel hat mir direkt aus dem Herzen gesprochen. Ich denke, genauso sollte man mit Essstörungen umgehen. Auch habe ich durch den Artikel gemerkt, dass ich wohl doch noch tiefer drinstecke als ich dachte. Vielen Dank für die Erkenntnis und die wertvollen Tipps an die Ernährungsberater/innen. Wenn jede/r so mit ihren/seinen Klienten/innen umgehen würde, wäre das perfekt!
Liebe Grüße,
Hanna

Liebe Hanna,
danke für deinen Kommentar! Das freut mich, dass dir der Artikel von Olivia so gut gefällt, ich leite es auch an sie weiter.
Liebe Grüße,
Katharina

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