Gastartikel: Papas und gesunde Ernährung – 3 Tipps, wie du ihn ins Boot holen kannst (von Vera Rosenauer)

Vera Rosenauer, Erziehungsberaterin in Wien
Vera Rosenauer ist Autorin von „Was Eltern von 0-8 Jährigen wirklich bewegt“ .
Auf ihrem informativen Blog beantwortet Vera Elternfragen zu den Themen Erziehung und Ernährung: www.abenteuer-erziehung.at
Vera ist Mutter von zwei Töchtern und kennt die Herausforderungen der gesunden Kinderernährung im Alltag aus eigener Erfahrung.

Wenn Papas bei der gesunden Ernährung nicht mitspielen, dann kann das viele Gesichter haben.

Mütter in meinen Gruppen erzählen von ganz unterschiedlichen Situationen, in denen die Papas „nicht mitspielen“ oder Widerstand leisten.
  • Er hilft nicht mit – er unterstützt nicht beim Einkaufen und/oder Kochen
  • Er isst die Nutella-Semmel vorm Kind und gibt damit ein schlechtes Vorbild ab
  • Er kritisiert dein Essen (vielleicht motzt er bei Tisch sogar wie ein Dreijähriger ;-))
  • Er gibt dem Kind hinter deinem Rücken Süßigkeiten

Woran kann das liegen?

Ich erlebe oft, dass für Frauen mit der Schwangerschaft gesunde Ernährung an Stellenwert gewinnt.
 
Ohne Kind isst man mittags schnell ein Weckerl oder in der Kantine, fürs Abendessen nimmt man am Heimweg schnell Sushi oder eine Pizza mit oder noch besser, man gönnt sich ein schönes Essen zu zweit im Restaurant. 
 
Aber mit wachsendem Bauch wird es Frauen immer bewusster, dass sich ihre eigene gute Ernährung positiv auf ihr Kind auswirkt. Dass „Essen für zwei“ mehr mit Qualität als mit Quantität zu tun hat, ist den meisten klar.
 
Schwangerschaft ist auch die Zeit der begeisterten Informationsaufnahme und das betrifft nicht nur die Babyratgeber, sondern auch alles, was mit gesunder Ernährung zu tun hat. 
 
Ist die Frau dann zu Hause im Mutterschutz oder bereits mit Baby, wird oft begonnen selbst zu kochen, mit Zutaten zu experimentieren und neue Gerichte auszuprobieren.
 
Vielleicht ist es für Männer einfach vom Tempo her schwierig mitzuhalten.
 
Als Frau ist das Baby für dich viel früher Realität, weil du es über Monate schon den ganzen Tag spürst (und das Gewicht mit dir herum trägst). Natürlich nehmen die Väter auch Anteil an der Schwangerschaft und fühlen die Bewegungen durch die Bauchdecke, wirklich real wird es für die meisten aber erst, wenn sie das Baby in den Armen halten.
 
Für Männer ändert sich das Leben weniger während der Schwangerschaft, dann aber ganz rasant ab dem Zeitpunkt der Geburt. Und möglicherweise ist es dann das Thema Essen, wo sie blockieren und am liebsten alles so hätten wie früher. 
 
Kein Mensch ändert gerne seine Gewohnheiten bzw. bekommt sie von anderen geändert, vielleicht möchte er mehr Mitspracherecht und Entscheidungsmöglichkeit haben?

Wie kannst du ihn ins Boot holen?

Sprich mit ihm!
 
Ja klar, wenn das so einfach wäre, höre ich dich jetzt denken.
 
Bestimmt hast du ihm schon gesagt, dass dich etwas an seinem Verhalten stört. Aber es hat sich nichts geändert.
 
Damit das Gespräch mit ihm besser verläuft, habe ich drei Tipps für dich, wie du Schritt für Schritt vorgehen kannst.

Schritt 1. Kläre für dich vorab: was bedeutet gesund für dich? 

  • Viel Vollkornprodukte
  • Abwechslungsreich essen
  • Selber kochen statt Fertiggerichte
  • Wenig oder kein Zucker
  • Viel Gemüse und Obst
  • Eine spezielle Ernährungsform (vegan, TCM, …)
  • Bio, regional und saisonal
  • Ein spezielles Lebensmittel (Milch, Brot) vermeiden
  • Fisch statt Fleisch
  • Wasser statt süßen Getränken
Es gibt keine allgemeingültige Definition für „gesund essen“.
 
Wenn du auf einer allgemeingültigen Basis mit ihm (oder mit den Großeltern, mit denen ja häufig ähnliche Konflikte auftreten) sprichst, sind Missverständnisse vorprogrammiert. 
 
Glaub mir, ich kenne Menschen, die halten Pommes zum Schnitzel für eine Gemüsebeilage ;-), wobei natürlich stimmt, dass Erdäpfel Gemüse sind, das macht Pommes aber noch lange nicht zum gesunden Essen. Andererseits werden ab und zu ein paar Pommes auch keinen großen Schaden anrichten.
 
Du merkst, da dreht man sich ziemlich schnell im Kreis.
 
Deshalb überlege in aller Ruhe für dich, was aus deiner Sicht unbedingt nötig ist, wenn du dich und deine Familie gesund ernähren möchtest.
 
Welcher Aspekt ist für dich der wichtigste? Welcher der zweitwichtigste? Und wo besteht für dich Verhandlungsspielraum?
 
Überlege auch: geht es dir wirklich ums Essen? Oder wünschst du dir vielleicht mehr Wertschätzung für dein Bemühen um eine gesunde Ernährung?

Schritt 2. Suche das Gespräch in einem ruhigen Moment

Es bringt gar nichts, beim Essen, wenn du dich vielleicht gerade wieder über etwas geärgert hast, mit ihm darüber reden zu wollen. Dann seid ihr beide in der Emotion, das Kind fängt vielleicht auch noch an zu quengeln und es wird bloß ein handfester Streit daraus.
 
Finde lieber einen Moment, an dem ihr beide entspannt seid und das Kind gerade schläft. Oder die Oma einen Spaziergang mit ihm macht. Vielleicht ist es auch hilfreich, das Gespräch in ein Cafe zu verlegen – ganz pragmatisch, in der Öffentlichkeit streitet es sich nicht so leicht.
 
Stelle vorab klar, dass ihr beide das Beste fürs Kind wollt, aber offenbar unterschiedliche Strategien verfolgt, um zu diesem Ziel zu kommen. Erklär ihm deine Prioritäten aus Punkt 1. 

Schritt 3. Lass ihn reden und versuch zu verstehen, was er sagt.

Gar nicht so einfach, ich weiß. 
 
Oft schwirren uns im Kopf ja schon längst unsere guten Gegenargumente herum, während der andere noch längst nicht fertiggesprochen hat. 
 
Hab Geduld, es ist ja keine „life-changing“-Entscheidung, die in den nächsten fünf Minuten gefällt werden muss und dann gibt es nie wieder eine Möglichkeit sie zu ändern.
  • Also hör mal zu – welche Bedenken und Argumente hat er?
  • Was denkt er über gesunde Ernährung? 
  • Was ist ihm wichtig? Hat er sich darüber schon Gedanken gemacht?
  • Hat er Angst, dass gesundes Essen automatisch nicht schmeckt?
  • Missfällt ihm die Einschränkung auf gesundes Essen?
  • Glaubt er, der Genuss kommt zu kurz?
  • Liegt es an der Verpackung (z.B. Spinat lieber im Strudel statt grünem Brei unterm Spiegelei)?
Manchmal ist schon so ein Gespräch unglaublich hilfreich und Änderungen ergeben sich daraus, ohne dass man großartig Verabredungen treffen muss. 
 
Vielleicht könnt ihr euch auch auf einen ersten Schritt einigen, den ihr gemeinsam angeht und verändert.
 
Das kann jetzt sein, dass die Nutella-Semmel erst im Büro gegessen wird statt am heimischen Frühstückstisch.
 
Oder dass vielleicht eine Naschzeit fürs Kind eingeführt wird statt ihm hinterrücks was zuzustecken.
 
Oder dass das „Probier wenigsten einen Bissen, damit du weißt, ob es dir schmeckt!“ auch für den Papa gilt.

Fazit:

Veränderungen sind für niemanden immer leicht.
 
Zu viele Änderungen auf einmal durchführen zu wollen, scheitert mit hoher Wahrscheinlichkeit.
 
Deshalb ganz wichtig – es muss nicht ALLES SOFORT geändert werden. 
 
Verfolge lieber die Politik der kleinen Schritte – schön langsam, eins nach dem anderen …
 
 
Danke, Vera Rosenauer, für diesen schönen Artikel! Mir gefällt besonders der Ansatz, die Veränderungen schrittweise anzugehen. Und der Gedanke, dass man alles ja wieder ändern kann. Das entspannt doch gleich ungemein, oder?
 
Nun wollen Vera und ich (Katharina) wissen, was Sie zum Thema denken - wie ist das in Ihrer Familie? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar!
 
Mehr von Vera gibt es übrigens auch in meinem Interview mit ihr: Mein Kind mag nichts essen! (Interview)

Kommentare

Liebe Katharina, liebe Vera!

Ich muss gestehen, dass ich immer wieder sehr froh darüber bin, dass ich von der Geburt meines Kindes bis jetzt alleinerziehend bin. Als mein Kind noch sehr klein und ich viel mit ihm im Park war, hörte ich immer wieder von den anderen Müttern, dass deren Partner ernsthaft meinten, dass sie (die Mütter) ja eh nichts tun und den ganzen Tag im Park sitzen und es lustig haben... - und so ähnlich verhält es sich ja auch bei der "gesunden Ernährung"- es fehlt einfach die Wertschätzung. Und deshalb finde ich, dass es Ratschläge für die Partner- welche sich anscheinend wie Kleinkinder benehmen- geben sollte, damit ihnen klar gemacht wird, welche Konsequenzen ihr Verhalten hat. Also bitte keine Ratschläge für die Mutter, wie sie dem Partner von einer gesunden Ernährung oder sonst was überzeugen kann, denn sie hat eh schon viel zu viel um die Ohren! Und wenn die Partner nicht auf die Ratschläge eingehen -dh. die Mutter und deren Bedürfnisse nicht wertschätzen-, dann ist das meiner Meinung nach eh wieder mal ein Armutszeugnis dieses Geschlechts.

Liebe Grüße,
Barbara

Liebe Barbara,
ja, mehr Wertschätzung für die Arbeit, die Mütter Tag für Tag leisten, das würde ich mir auch ganz stark wünschen! Und zwar nicht nur von Männern, sondern gesamtgesellschaftlich und auch von uns Müttern selber. Leider höre ich noch viel zu oft von Müttern, dass "man ja den ganzen Tag nichts geschafft hätte"
Alles Liebe, Vera

Liebe Barbara,
danke für deinen Kommentar! Ich denke, dass es immer eine Frage der
Beziehung ist - und Beziehung lebt vom Reden. Das Essen ist ja nicht das
einzige Konfliktthema, das zwischen Partnern mit einem Kind aufkommt. Wenn
wir da nicht immer wieder versuchen würden, miteinander zu sprechen und uns
besser zu verstehen (und gegenseitig wertzuschätzen), würden wohl die
wenigsten Beziehungen halten. Und ich denke, auch die Kinder lernen viel aus
der Art, wie ihre Eltern Konflikte lösen.
Aber es stimmt schon - als Alleinerziehende muss man sich wenigstens darüber
nicht den Kopf zerbrechen. Dafür um genügend anderes und du hast meinen
vollen Respekt, dass du das schaffst!
Liebe Grüße,
Katharina

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